Motorrad

Trans Amerika: „Wir fuhren den Sternen nach“

29 000 Kilometer auf zwei 1985er BMW R 80 G/S, 13 Länder in sechs Monaten und zwei alte Freunde mit einer Erkenntnis: Der größte Luxus ist es, einfach mal alles hinter sich zu lassen. Im BMW Magazin spricht Matias Corea ausführlich über das Abenteuer, das er mit seinem Jugendfreund Joel Estopà angetreten ist. Ein epischer Roadtrip – erzählt in 7 Szenen.

Fotos
Matias Corea
Text
Lars Gaede

Es gibt den einen Moment auf der langen und wundersamen Reise des Matias Corea, in dem er plötzlich zu fliegen beginnt. Einen Moment, in dem er nicht nur das Gefühl hat, mit seiner BMW R 80 G/S durch die Landschaft zu schweben – wie so oft auf dieser Reise –, sondern, in dem er tatsächlich abhebt: ein Fahrfehler. Er sieht, wie der Lenker vor ihm zu schlackern beginnt und sich seinen Händen entwindet. Er spürt, wie erst das Motorrad den Kontakt zum Boden verliert und dann er den Kontakt zum Motorrad. Er beobachtet, wie sich die 186 Kilogramm schwere Maschine in den Boden bohrt und überschlägt, während er selbst durch die Luft wirbelt, hart landet und – liegen bleibt. Unter sich den heißen bolivianischen Staub und über ihm die Frage: War’s das? Mit ihm oder zumindest mit der Reise? Mit dem Traum, es mit seinem besten Freund Joel Estopà auf zwei alten BMW Enduros von Brooklyn, USA, bis nach Ushuaia, Argentinien, zu schaffen, in die südlichste Spitze Südamerikas?


Es ist ein Traum, der schon beginnt, als Matias und Joel 18 Jahre alt sind. Joel bekam damals eine alte 1975er R 60/6 von seinem Vater geschenkt. Matias und er waren schon mit 16 gemeinsam auf ihren Mopeds unterwegs. Doch jetzt fuhren sie zusammen mit dieser großen Boxer BMW über die Lande, zum Strand, nach Penedés zum Weintrinken.
Matias begeisterte, dass es bei dieser alten Maschine noch möglich war, das Wesentliche zu ver­stehen. „Wie die Mechanik funktioniert, wie das Benzin den Motor befeuert, wie der Sound entsteht – ich fand das alles faszinierend. Joels Maschine war burgunderrot, wahrscheinlich die hässlichste Farbe, in der BMW je etwas gebaut hat, aber ich habe mich trotzdem sofort in diese Art von Motorrädern verliebt.“

Schon damals kam den beiden Freunden die Idee, einmal eine lange Reise auf zwei Rädern zu machen, eine echte Abenteuerfahrt.
Doch es kam wie so oft bei Abenteuern irgendwie das Leben dazwischen: Joel verfolgte seine Karriere als DJ. Matias zog nach New York, arbei­tete zehn Jahre als Grafiker und gründete dann mit einem Partner ein Unternehmen – die Grafikerplattform Behance. 2012 wurde sie von der Softwarefirma Adobe aufgekauft.
Matias stieg aus dem Unternehmen aus. Er designt auch weiterhin, investiert in andere Unternehmen – und hält Vorträge über seinen Weg vom Grafiker zum Entrepreneur, wenn er darum gebeten wird.

Matias hätte sicher schon zum Zeitpunkt seines Exits die Zeit und Ressourcen gehabt, auf eine lange Reise zu gehen, doch es war ein anderes, trauriges Ereignis, das ihn dazu brachte, sich an den alten Traum zu erinnern: Als seine Schwester vor zweieinhalb Jahren überraschend starb, fragte sich der heute 38-Jährige: „Was machen wir eigentlich mit unseren Leben? Vor allem: Was mache ich mit meinem?“

Kurze Zeit später klingelte bei Joel in Spanien das Telefon.
„Am 10. Oktober fahre ich los“, sagte Matias. „Kommst du mit?“

„Motorradfahren verbinde einen auf ganz besondere Art mit der Landschaft, sagt er. „Man hat keine Schachtel um sich herum, kein Dach über dem Kopf. Die Wahrnehmung der Umgebung ist, als wären alle Sinne geschärft.“

Matias Corea

Ein Motorradfahrertraum in Peru: fünf Stunden Kurven und kein Gegenverkehr (oben). Im Hochland nahe Los Flamencos in Bolivien (unten).

// Szene 01

„Das ist die erste ­Fährfahrt unserer Reise. Es geht über den Lago Petén Itzá in Guatemala. Eine typische Szene! Lustigerweise denken ja viele Leute, Motor­räder wären eine Art Frauenmagnet. Das ist Quatsch. Tatsächlich sind sie Männermagneten! Wann immer wir irgendwo anhielten oder wenn wir mal irgendwo aus einem Restaurant kamen, ­standen immer gleich acht Männer um die Motorräder herum und haben neugierige ­Fragen gestellt. Da wir beide selbst Spanisch sprechen, ergaben sich immer sehr viele Gelegenheiten, sich aus­zutauschen und den ­Leuten näherzukom­men. Wir drehen uns ja so häufig nur um uns selbst. Was mich an dieser Reise am meisten begeistert hat, war die echte Begegnung mit anderen Menschen – die Chance, zu lernen, wie andere Menschen leben und wie sie die Welt sehen.“


Matias hatte sich einige Jahre zuvor eine 1985er R 80 G/S gekauft und sich von einem auf alte Motorräder spezialisierten Mechaniker beibringen lassen, wie man BMW Motorräder restauriert und repariert.
„Es ist, als hätte ich mich unbewusst schon auf diesen Trip vorbereitet.“
Die beiden kaufen eine exakt baugleiche Maschine für Joel, um auf der Reise die gleichen Ersatzteile benutzen zu können. Sie bringen bei beiden Maschinen beheizte Griffe an, bauen stärkere und strapazierfähigere Federungen ein, Windschilde. Sie erneuern die Bremsbeläge, alle Filter, das Öl, die Bremsflüssigkeiten.
Dann packen sie ihre Taschen: Kleidung, ein Zelt, Kocher, Werkzeug und einen Fußball mit Pumpe, um unterwegs Ballhochhalten spielen zu können – so wie damals als Jugendliche am Strand von Barcelona.

Am 12. Oktober um 15 Uhr fahren sie los.

// Szene 02

„In Bolivien leben zehn Millionen Menschen auf einer Fläche, die doppelt so groß ist wie Deutschland. Wenn man wissen will, wie die Erde vor Zehntausenden von Jahren aussah, muss man hierhin kommen. Es ist verrückt schön. Und leider schön verrückt, wenn man die Orientierung verliert. Das ist sehr einfach, denn es gibt hier keinen Empfang, keine Straßen, keine Schilder, keine Bäume, an denen man sich orientieren könnte, es gibt hier einfach nichts. Und wenn es dann dunkel wird, gibt es noch weniger als das. Schwarze Nacht. Wir tasteten uns ein Mal stundenlang durchs Dunkel, ohne dass das Hostel kam, das wir suchten. Wir dachten daran, anzuhalten und zu campen, aber auf 3800 Metern wird es richtig kalt, und es gibt wilde Tiere. Kurz gesagt: Wir bekamen richtig Schiss. Irgendwann aber sind wir durch ein kleines Tal gefahren, und als wir an dessen Ende eine Anhöhe hochfuhren, sahen wir plötzlich ein Licht. Ist schön, wenn man dann das Licht sieht. Sehr, sehr schön.“


Während der Fahrt sind Matias und Joel permanent per Funk miteinander verbunden. Sie warnen sich, wenn jemand zu dicht überholt, sie sprechen sich ab, wenn eine Abzweigung kommt oder wenn einer eine Pause braucht. Ansonsten herrscht Stille. Fahren.
Schon auf den ersten Kilometern stellt sich bei Matias ein unglaubliches Freiheitsgefühl ein.

Motorradfahren verbinde einen auf ganz besondere Art mit der Landschaft, sagt er.
„Man hat keine Schachtel um sich herum, kein Dach über dem Kopf. Die Wahrnehmung der Umgebung ist, als wären alle Sinne geschärft: In der Wüste von Nazca spürst du die Hitze und den Sand in den Helm kriechen, wenn du die Flüsse Guatemalas überquerst, spürst du die Feuchte der Luft, in Mississippi riechst du die Blumenfelder und in Argenti­nien die Rinder. Und das ist es doch, was man sucht. Man will das alles erleben!“

Dazu kämen die ganz praktischen Vorteile des Motorrads: Man passt auf die kleinste Fähre und kommt über die engste Brücke, und, falls man mal im Graben landet, bekommt man ein Motorrad – anders als ein Auto – auch alleine herausgehievt.
Wenn eines der Motorräder mal liegen bleibt, kommt man notfalls immer noch mit dem zweiten weiter. Diese Unabhängigkeit mache das Motorradreisen faszinierend. „Doch das noch Faszinierendere passiert dabei in einem selbst.“

// Szene 03

„Unser Trip war ein Trip des Regens! Drei Monate am Stück hat es auf uns heruntergeschüttet. Von Zentralamerika bis zum Süden Perus. Das hier ist in Honduras. Hier war der Regen besonders brutal – stärker als eine Dusche. Man muss damit klarkommen. Ist natürlich nicht toll, aber authentisch. Es regnet hier eben viel.“

Während er viele Stunden lang auf dem Motorrad unterwegs ist, stellt sich bei Matias immer wieder eine eigenartige Stimmung ein.
Er beschreibt sie als eine Art Meditation. Nur dass die Gedanken nicht an ihm vorbeiziehen, sondern geradezu auf ihn einströmen: „Mir wurde auf dem Motorrad klar, mit welchen Menschen ich mehr Zeit verbringen sollte, mit welchen lieber weniger, ich habe einigen Menschen vergeben, mich bei anderen für uralte Dinge entschuldigt. Ich habe über meine Schwester und mich nachgedacht, das Verhältnis zu meiner Mutter. Ich habe mir Fragen gestellt, die ich mir bis zu diesem Moment nie gestellt hatte! Ich habe dabei nicht immer Antworten gefunden und verdammt viel in meinen Helm geweint.“

„Aber hey“, sagt Matias. „Auch das war eine Reise.“

// Szene 04

„Das ist der Lago de Atitlán in Guatemala. Umgeben von Vulkanen und unglaublich schön. Die Fahrt dorthin ist verrückt, man folgt einer Straße, die sich scheinbar immer weiter durch die Berge schlängelt, und am Ende kommt man plötzlich hier raus. Jeden Morgen legt sich der Nebel über den See, und es ist extrem ruhig. Tagsüber nimmt dann der Wind zu, und der See ähnelt plötzlich eher einem Meer. Magisch. Wir wurden auf der Reise immer wieder von Wasser angezogen, von Seen, der Küste – vielleicht weil wir selbst vom Meer kommen.“


Der größte Luxus auf der Reise sind für Matias und Joel gutes Essen und ein guter Wein. Auch wenn diese laut Matias nicht immer so leicht zu finden sind, vor allem in Zentralamerika.
„Aber dann: Chile! Peru! Argentinien!“ Sie halten jeden Tag für eine Stunde an, um in Ruhe Mittag zu essen – „Wir sind Spanier. Wir essen. Egal was kommt.“

Wenn Matias und Joel nach acht Stunden Fahrt an einem neuen Ort ankommen, suchen sie sich eine Unterkunft, nehmen die Koffer vom Motorrad, ziehen Jacke und Stiefel aus – und dann macht jeder sein Ding.
Der eine liegt auf dem Bett, twittert oder ist auf Instagram unterwegs, der andere liest oder spaziert herum. „Entspannungsphase“.
Erst später, wenn beide geduscht im Restaurant sitzen, einen Wein und einen Teller vor sich, fangen sie an, sich zu unterhalten. „Dann geht es zwei, drei Stunden am Stück. Wir reden über die Etappe, über Wein, Essen, Musik, über das Leben an sich.“
Aber eben erst dann. Das sei das Geheimnis ihrer Freundschaft, sagt Matias – und vielleicht gelte das für jede gute Reisegemeinschaft:
Erstens: Keine Überraschungen. Es hilft, wenn man sich in- und auswendig kennt.
Zweitens: Man sollte miteinander schweigen können – und sich dennoch etwas zu erzählen haben. Dann klappt’s miteinander, sagt Matias. Und wenn es doch mal kracht, ist bei ihnen nach zehn Minuten schon wieder alles gut.
„Spätestens dann lachen wir übereinander.“

Matias Corea hebt ab: Seine 186 Kilogramm schwere Maschine bohrt sich in den Boden und überschlägt sich, während er selbst durch die Luft wirbelt, hart landet und liegen bleibt. Im heißen bolivianischen Staub fragt er sich: Ist das das Ende der Reise?

Die beiden Abenteurer versuchten auf ihrer Reise möglichst nur Nebenrouten zu nehmen. Und entdeckten so Traumstraßen – wie in der Tatacoa-Wüste Kolumbiens.

Die beiden Abenteurer versuchten auf ihrer Reise möglichst nur Nebenrouten zu nehmen. Und entdeckten so Traumstraßen – wie in der Tatacoa-Wüste Kolumbiens.

// Szene 05

„Auf dem Weg nach Cajamarca, Peru, haben wir uns wieder einmal komplett verfahren. Erst wusste Google Maps nicht, wo wir waren. Dann schickte uns jemand, den wir fragten, eine Straße entlang und sagte, wir sollten bei der nächsten Abzweigung rechts abbiegen. Wir fuhren und fuhren, 50 Kilometer über schweres Geröll, doch die Abzweigung kam nie. Wir waren auf etwa 4000 Metern Höhe, es war kalt, die Luft war dünn. Joel blieb mit dem Motorrad in einem Fluss stecken, und wir hatten kaum die Kraft, es zu befreien. Als es dunkel wurde, waren wir mental und physisch komplett am Ende. Doch irgendwann sahen wir in den Bergen ein Licht, wir fuhren ihm ent­gegen und trafen einen Berg­arbeiter mit Stirnlampe, der hier mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Gold grub. Er sagte: ‚Ihr seid dreieinhalb Stunden entfernt von jedem Ort, ihr solltet über Nacht bleiben.‘ Sie brachten uns Planen und Decken. Und am nächsten Morgen hatten wir nicht nur neue Kraft, sondern wir schauten in ein unglaublich schönes und sonniges Tal. So war das immer wieder auf der Reise: Auf schwere Episoden folgte die größte Schönheit. Und überall fanden wir unfassbar hilfsbereite Menschen. Man lernt ­daraus irgendwann, nicht zu früh durchzudrehen, wenn ­etwas schiefläuft – sondern darauf zu vertrauen, dass es auch ­diesmal wieder gut ausgeht.“

Fragt man Matias, wie man eine solche Reise am besten vorbereitet, sagt er: „Am besten gar nicht.“ Leute im Voraus nach ihrer Meinung zu fragen habe nicht viel gebracht – im Gegenteil, es habe ihn beinahe entmutigt.
„Gerade diejenigen, die selbst noch nie diese Reise gemacht hatten, erzählten uns Horrorgeschichten: ‚Seid ihr verrückt? Da gibt es Gangs! Die Straßen sind zu gefährlich!‘ Wir trauten uns fast nicht mehr loszufahren.“
Und auch die Route genau zu planen sei sinnlos. Straßen, die auf einer Karte stehen, sind drei Tage bevor man sie erreicht weggeschwemmt worden oder liegen unter einer Steinlawine begraben.

An einem Ort namens La Ventosa in Mexiko wiederum war der Wind so stark, dass die beiden nur wenige Kilometer vor dem Ziel umdrehen mussten. Der Umweg dauerte drei Tage. Aber sie wären sonst von der Straße geweht worden.
„Wie soll man dafür planen?“, fragt Matias.
Stattdessen fragten sie lieber regelmäßig Einheimische nach Tipps. Und immer, wenn ihnen jemand riet, fahrt nach Oaxaca, nach Atitlán, schaut euch diese Ruinen an oder jenen Tempel, machten sie einen kleinen Stern in Google Maps.

„Das ist eine sehr gute Art zu planen“, sagt Matias. „Man fährt dann einfach den Sternen nach.“

// Szene 06

„Uyuni in Bolivien ist die größte Salzebene der Welt. Es ist ein surreal-schöner Ort, an dem einem das Hirn Streiche spielt, weil es wirklich so ist, als würde man über einen Spiegel fahren: Man sieht alles doppelt – richtig herum und auf dem Kopf. Irgendwann sagte Joel über Funk: ‚Mein Motorrad läuft nicht rund.‘ Schließlich blieb es ganz stehen. Es zu reparieren war nicht ganz einfach. Es war extrem heiß, und man konnte nichts auf den Boden legen, der ist ja mit Wasser bedeckt. Am Ende haben wir es aber geschafft, das Problem zu beheben. I fixed it! Ein Erfolgs­erlebnis.“

Was gehört eigentlich dazu, seiner Sehnsucht zu folgen, alles hinter sich zu lassen und einfach mal loszufahren?
Mut, sagt Matias. Sonst nichts. Natürlich weiß er, dass eine lange Reise wie so vieles leichter ist, wenn man die Ressourcen hat. Aber dass ein solcher Luxus nur mit viel Geld zu haben sei, lässt er nicht gelten.
„Die Straße ist kein teurer Ort.“ Man kann campen, ein Hostel koste oft nicht mehr als sechs Dollar. „Ein Bier in New York kostet neun Dollar! Wer ein halbes Jahr in New York nicht essen geht, kann allein damit schon einen solchen Trip finanzieren.“
Auch die Angst davor, sich für eine Weile aus dem Beruf oder der Karriere auszuklinken, hält Matias nicht für entscheidend, wenn man wirklich reisen will.

„Klar, man verdient ein halbes Jahr kein Geld, und klar, man kann in der Zeit seine beruflichen Ziele nicht verfolgen. Aber man sollte ehrlich zu sich sein: Das eigene Arbeitsleben, das sind 40, 50, 60 Jahre. Sollte man nicht vielleicht ein Hundertstel dieser Zeit dafür nutzen, mal etwas anderes zu machen?“
Man bekomme ja etwas zurück für dieses Investment ins eigene Leben: „Erfahrungen! Länder, die man kennenlernt. Menschen, die man trifft! Das kann man nicht kaufen, das kann man nur erleben.“

// Szene 07

„Wir sind über jedes erdenkliche Terrain gefahren. Weicher Schlamm, wie hier in San Cayetano, Kolumbien, fährt sich sehr angenehm. Es gibt aber auch Offroadstraßen, die einfach nur extrem anstrengend sind und auf denen man kaum vorankommt. Wir haben daher versucht, eine gute Mischung aus asphaltierten Straßen und eher offroadigen Routen zu finden. Die großen Städte haben wir ganz gemieden. Durch die Globalisierung geht es in Städten heute weltweit sehr ähnlich zu. Egal ob das Barcelona, Rom, New York ist oder Quito, Santiago, Buenos Aires. Wenn du wissen willst, wie sich die Peruaner von den Menschen in Bolivien und Chile unterscheiden, dann musst du richtig ins Land ­hinein, in die kleinen Städte – oder noch besser: in die Dörfer. Da siehst du dann plötzlich, wie unterschiedlich die Kulturen eben doch sind. In der Kleidung, im Essen, den Umgangs­formen. In allem.“

Nach dem Sturz in Bolivien öffnet Matias die Augen. Auf dem linken sieht er nur helle Flecken. Er weiß nicht, wo er ist. Er versteht nicht, weshalb er hier im Staub sitzt, und auch nicht, was Joel ihm sagen will, der viel zu schnell auf ihn einredet.
Es dauert, bis Matias wieder ganz zu sich kommt, aber ihm ist nichts Ernstes passiert.

Am nächsten Tag schon kann er das Krankenhaus verlassen, in das man ihn gebracht hat.
Seine Hüfte tut weh, seine Schulter ist gezerrt. Doch Matias beginnt sofort, das Motorrad wieder zusammenzuflicken, dessen Teile nach dem Sturz in einem Umkreis von 50 Metern herumlagen.
Matias kann mit sehr viel Klebeband und noch mehr Kabelbindern alles wieder einigermaßen funktionstüchtig machen. Der Lenker ist verzogen, der Tacho zerstört, die Blinker sind abgeknickt, doch so schafften sie es schließlich noch bis ans Ziel, nach Ushuaia, Argentinien.

Man kann Matias’ kunstvolle Flickereien bewundern, wenn man ihn heute in Brooklyn besucht.
Im Eingang der Union Garage, eines Geschäfts für Motorradkleidung, an dem er beteiligt ist, steht die BMW in ihrer lädierten Pracht.
Die R 80 ist noch in genau dem Zustand, in dem Matias sie nach der Tour in ein Flugzeug verladen hat. „Sogar der Dreck ist noch original“, sagt er.
Dann schiebt er die Maschine auch schon aus dem Laden auf den Bürgersteig in die Sonne. Als er sie anspringen lässt, strahlt er über das ganze Gesicht. „Was für ein Motorrad! Oder? Willst du mal drauf sitzen?“

Die Reise hat nicht nur an der G/S, sondern auch bei Matias durchaus Spuren hinterlassen. Es sei hart, nicht mehr jeden Tag unterwegs zu sein, sagt er.
„Ein wenig so, als würde man von Drogen wieder runterkommen. Ich poste immer noch ständig Bilder der Reise. Es fühlt sich an, als wäre mein Hirn immer noch unterwegs, immer noch am Verarbeiten.“

Natürlich sei es schön gewesen, nach mehr als 180 Tagen in etwa 150 verschiedenen Betten mal wieder in seinem eigenen zu schlafen. Aber gleichzeitig stelle man sich nach so einer Rückkehr auch plötzlich ziemlich viele große Fragen.
„Man steht dann in seinem alten Leben, in seiner alten Wohnung, nachdem man ein halbes Jahr mit ein paar Hosen, T-Shirts, Socken durch die Welt gereist ist. Man schaut sich um und denkt sich: Wow! Sooo viel Zeug. So viele Dinge, die man vielleicht alle vier Jahre mal in die Hand nimmt. Wozu das alles?“
Matias beschloss: Ich muss das dringend alles loswerden! Er ist dabei, kistenweise Kram auszusortieren und zu spenden.

Vielleicht sei das die größte Lehre des Trips, sagt er: „Ich funktioniere viel besser mit weniger. Weniger Besitz, weniger Optionen, sogar weniger Freundschaften, wenn man so will. Es ist besser, mehr Energie und Zeit in die wenigen Dinge und Menschen zu stecken, die wirklich wichtig sind.“
Das zu wissen fühle sich gut an, sagt er. Er lächelt dabei. Jetzt muss er nur noch diese eine Sache herausfinden:

„Wo zur Hölle geht es als Nächstes hin?“

Es gehört Mut dazu seiner Sehnsucht zu folgen, alles hinter sich zu lassen und einfach loszufahren.

08.09.2017