Design

Poesie der Form: BMW Concept 8 Series

Glanz oder gar nicht: BMW Group Chefdesigner Adrian van Hooydonk im Gespräch über das BMW Concept 8 Series, die neue Bedeutung von Luxus und das Zusammenspiel von Stärke und Sophistication.

Fotos
Benjamin Antony Monn
Text
Jörn Kengelbach

Wie anders wird das Luxusauto von morgen aussehen, Herr van Hooydonk?
Adrian van Hooydonk: Ich glaube fest daran, dass Spitzenprodukte tatsächlich eine ganz neue Formen­sprache brauchen. Wir sehen bei BMW die Zukunft als etwas, was cleaner und präziser sein wird. Aber die Dinge dürfen dabei nicht zu nüchtern werden, sondern müssen starke Emotionen wecken.

Was ist für Sie das Besondere am neuen BMW Concept 8 Series?
van Hooydonk: Das Besonderes an der Studie ist, dass das gesamte Design dieses Modells nur aus zwei, maximal drei Linien besteht. In der zweidimensionalen Zeichnung ist das schwer vorstellbar, aber in der dreidimensionalen Welt entfaltet sich erst die ganze Poesie der Form zwischen diesen klaren Linien.

Wir erleben also eine neue Poesie der Stärke und des Prestiges?
van Hooydonk: Durchaus. Luxus muss zum einen Langlebigkeit ausstrahlen, da es sich bei den meisten Produkten um Dinge handelt, mit denen sich Menschen lange umgeben. Das bedeutet, es kommt auf jedes noch so kleine Detail an. Wir haben beim Interieur zum Beispiel die Bedien­elemente für heutige Verhältnisse radikal auf bestimmte Inseln reduziert. Luxus strahlt aber auch immer eine gewisse Selbstverständlichkeit nach außen aus, im Eng­lischen steht dafür der Begriff „sophistication“. Beim BMW Concept 8 Series entsteht dieser Eindruck durch viele positiv gewölbte Oberflächen. Das ist typisch für ­einen Sportwagen, das demonstriert Stärke.

Adrian van Hooydonk ist BMW Group Chefdesigner. Er arbeitet seit 25 Jahren bei BMW. Während dieser Zeit ist im klar geworden: Eine Erfolgsformel für Design gibt es nicht. Man muss sich und das Automobil jedes mal neu entdecken.

„Was alle BMW 8er verbindet, ist eine gewisse Exotik. Ich kann mich an den ersten 8er aus den Achtzigerjahren sehr gut erinnern. Ich habe damals Design studiert. Für mich war das fast wie ein Ufo, extrem modern. Und er blieb immer modern, irgend­wie filmreif.“

Adrian van Hooydonk

Wieso ist Luxus ein immer wichtiger werdender Anspruch im Automobilbereich?
van Hooydonk: Luxuskunden führen ein sehr geschäftiges Leben. Jede freie Minute ist echter Luxus. Wenn Sie dann die Auto­tür hinter sich zuziehen, sind Sie manchmal vielleicht das erste Mal am Tag wirklich für sich. Wir nennen das „Yourtime“. Die Zeit im Auto wird in Zukunft eine noch persönlichere und damit sehr wichtige Zeit. Also muss die Zeit, die im Auto verbracht wird, am ehesten mit dem Aufenthalt in einer Oase vergleichbar sein.

Hätte der Kunde nicht noch mehr Qualität, wenn selbst­fahrende Autos schneller entwickelt würden?
van Hooydonk: Das passiert ja bereits parallel. Aber selbst wenn wir das autonome Fahren auf der Straße sehen, kann Fahren großer Genuss, ja sogar entspannend sein. Aber eben auch Telefonieren oder Musikhören. Das ist für viele unserer Kunden echter Luxus, eben diese persönliche Zeit zu ­genießen. Wir werden jedenfalls die Augen nicht davor verschließen, dass bald die Zeit anbricht, in der Autos so intelligent sein werden, dass sie auch selbstständig fahren. Nur glaube ich, dass unsere Kunden davor überhaupt keine Angst haben. So gern sie auch fahren, es kommt irgend­wann der Punkt, an dem man sagt: Jetzt will ich ­etwas anderes machen, ich muss arbeiten. Oder bei einer mehrstündigen Fahrt sagt man sich nach einer Stunde am Steuer: Jetzt will ich gefahren werden und einen Film ­anschauen! Das finde ich überhaupt nicht schlimm. Und genau das werden wir in Zukunft ermöglichen.

BMW hat punktuell immer wieder Impulse im ­absoluten Luxussegment geliefert. Zum Beispiel mit dem ersten BMW 8er auf der IAA von 1989. Was ist heute anders?
van Hooydonk: Wenn wir die 8er Historie bei BMW betrachten, kann man tatsächlich nicht sagen, dass wir eine Designlinie fortschreiben, vom 8er oder später dem BMW Z8. Was alle BMW 8er verbindet, ist eine gewisse Exotik. Ich kann mich an den ersten 8er aus den Achtzigerjahren sehr gut erinnern. Ich habe damals Design studiert. Für mich war das fast wie ein Ufo, extrem modern. Und er blieb immer modern, irgend­wie filmreif. Heute haben wir im 8er Portfolio auch noch den Hybridsportwagen BMW i8, das ist ja noch mal eine ganz andere Story.

Das gesamte Design der BMW Concept 8 Series besteht aus maximal drei Linien und vereint Luxus und Stärke in einer ganz neuen Weise.

Das gesamte Design der BMW Concept 8 Series besteht aus maximal drei Linien und vereint Luxus und Stärke in einer ganz neuen Weise.

BMW ist seit 17 Jahren Partner der wohl wichtigsten Luxus-Oldtimerveranstaltung der Welt, des Concorso d’Eleganza im Park der Villa d’Este am Ufer des ­Comer Sees. Ist ein Vintage-Event ein guter Ort für die Präsentation des neuen BMW Concept 8 ­Series, für die Zukunft des High-End-Designs?
van Hooydonk: Ja, unbedingt! Auch der größte Oldtimerfan will, dass es mit Automobilen weitergeht, denn das schafft Werte. Es ist toll zu sehen, dass man uns immer wieder aufgefordert hat, Studien und Showcars zu bauen und hier vorzustellen. Das waren bis jetzt immer Unikate, im Top-Luxussegment kein Widerspruch, sondern sogar viel besser für die Wertsteigerung. Nun haben wir auf dem Concorso erstmals eine Studie gezeigt, die in Serie gehen wird. Und der BMW Concept 8 Series ist ganz klar keine Hommage an die Vergangenheit, sondern eine Absichtserklärung für die Zukunft. Wir befinden uns im Jahr 1 der nächsten 100 Jahre von BMW, und der BMW Concept 8 Series ist der Anfang eines neuen Kapitels unserer Designsprache. Wir glauben, dass dieses Umfeld passender für die Präsen­tation ist als eine Automobilmesse, wo es sehr oft um Technologien, weniger um Design geht.

Liegt eine weitere Zukunft des Luxusautomobils auch in der Vergangenheit – im konsequenten Made-to-Measure, in der Einzelanfertigung?
van Hooydonk: Wir sehen ganz klar eine Entwicklung dorthin. Beim BMW 7er stammen immerhin schon 20 Prozent aus der Abteilung BMW Individual. Je weiter man nach oben blickt, desto wichtiger wird das Thema Individua­lisierung. Weiterzugehen, viel mehr als nur Farbe und Material zu variieren, ist der nächste, logische Schritt.

Wie wird man sich als BMW 8er Kunde fühlen?
van Hooydonk: Besonders. Wertgeschätzt. Ich erwarte, dass man dieses Produkt noch in viel höherem Maße individualisieren kann als bisher unsere Autos. Auch der BMW 8er Kunde wird sich voraussichtlich viel stärker mit der Marke ­verbinden und aus­einandersetzen wollen als bisher im Luxus­segment.

Sie arbeiten seit 25 Jahren bei BMW. Haben Sie eine Erfolgsformel für gutes Design gefunden?
van Hooydonk: Das wäre zu schön. Und beängstigend. Weil eine Formel bedeutet, dass man sie einfach nur anwenden müsste. Automobildesign bleibt immer etwas schwarze Magie. Es gibt so etwas wie eine Kombination aus Ratio und Intui­tion, die einen guten Entwurf auszeichnet. In erster Linie muss ein Design aber authentisch sein. Authentisch zu einer Marke und ihrer Historie, aber auch authentisch zu vorhandener Technik. Das klingt einfach, wird aber schnell komplex. Wenn etwas schnell ist, soll es schnell aussehen. Wenn das Handling präzise ist, dann soll das auch das Design ausdrücken. Gutes Design darf aber nie überkomplex werden. Das ist die Kunst. Beim BMW ­Concept 8 Series wollten wir eine Art Gentleman Racer erschaffen, also nicht provokant-aggressiv, sondern einfach auf den Punkt. Nicht lauter, als man selbst sein möchte. Sondern sophisticated.

13.10.2017