Kultur

Der mit dem Panda tanzt

Sidney Selby alias Desiigner (20) wurde mit seinem Hip-Hop-Hit „Panda“ schlagartig zum Star. Ein Gespräch über das Aufwachsen in den Sozialvierteln von Brooklyn, die Liebe zu BMW und sein großes Idol: den Großvater in Berlin.

Fotos
Robert Wunsch
Interview
Lars Gaede

Als letztes Jahr Ihr Rap-Überhit „Panda“ die Charts stürmte, dachten erst mal viele Menschen, es gehe darin um Pandabären. Dann hieß es, die Inspiration sei ein Auto gewesen. Ist das wahr?
Desiigner: Ja. Die Inspiration war ein BMW X6. Ganz in Weiß mit schwarz getönten Scheiben sieht er für mich einfach ­genauso aus wie ein Panda! Mein Hirn saugt manchmal ­irgendwelche Dinge auf, verbindet sie, und dann macht es plötzlich klick! In dem Fall hatte ich kurze Zeit vorher das Panda-Emoji auf meinem Handy entdeckt, und dann sah ich den Wagen ein wenig später irgendwo auf der Straße oder vielleicht auch beim Zocken auf der Konsole, ich weiß es gar nicht mehr genau. Jedenfalls hatte ich dann beim Texten plötzlich diese Assoziation im Kopf: „White X6, looks like a Panda!“ Das wurde zur Zeile im Track.

Als der BMW X6 Sie zu diesem Track ­inspirierte, was fuhren Sie da selbst gerade für ein Auto?
Desiigner: Pff, gar keins. Ich hatte bis dahin überhaupt noch nie ein Auto besessen. Und gefahren? Ich bin vielleicht mal mit einem Uber gefahren – das war’s.

Hatten Sie schon einen Führerschein?
Desiigner: Nein. Auch nicht. Aber den habe ich dann sofort gemacht, als das erste Geld reinkam. Und dann habe ich mir auch so schnell ich konnte ein Auto zugelegt, das können Sie mir glauben. Sie müssen das verstehen, ich war schon immer ein totaler Autofreak.

Und, kauften Sie sich einen weißen BMW X6 mit …
Desiigner: Nein. Ich habe darüber nachgedacht, aber ich liebe den Speed! Ich habe mich deshalb für einen dunkelgrauen BMW i8 entschieden. Die Beschleunigung dieses Autos! Es ist komplett verrückt. Und ich wollte tatsächlich schon als Kind immer einen Beamer und nichts anderes – Beamer, das war unser Slang für BMW.

Was fasziniert Sie so an den Automobilen von BMW?
Desiigner: Egal ob Sie sich die 4er ansehen, den 5er, den neuen 750er – es ist immer diese Mischung aus Komfort und Dynamik. Ich mag es, wie BMW das M Paket immer wieder über verschiedene Modelle spielt.

Der BMW i8 ist ja ein Plug-in-Hybrid. Fahren Sie gerne elektrisch?
Desiigner: Ich liebe meinen i8, er ist natürlich extrem leise. Ich stehe eigentlich schon auch auf Autos mit richtig lautem Sound. Eine Mischung aus beidem: Das wäre perfekt!

„Ich wollte tatsächlich schon als Kind immer einen Beamer und nichts anderes – Beamer, das war unser Slang für BMW.“

Desiigner

Streetwear meets High Fashion: Desiigner trägt eine Hose von Ovadia & Sons zu einer Lederjacke von Jil Sander.

Sie sagen, Sie lieben es zu fahren. Bald aber werden sich Fahrzeuge auch ganz autonom bewegen können. Wie finden Sie das?
Desiigner: That’s the future! Upgrade, Baby! Evolu­tion! Ich kann es nicht abwarten, in einem High-Class-Auto zu sitzen, meinen Sitz um­zudrehen und in Ruhe das Essen auszu­packen. Ich würde das Fahren schon vermissen, aber manchmal will man ja auch einfach ein bisschen sleepy-sleepen, ein ­Nickerchen machen.

Sie sind in Bed-Stuy aufgewachsen, einem ärmeren Viertel von Brooklyn. Fahren Sie mit Ihrem i8 denn manchmal noch in die Gegend?
Desiigner: Klar! Ich bin erst gestern dort hingefahren. Ich treffe ja immer noch gern meine Leute von früher. Aber ich bleibe nie zu lange.

Nein? Warum?
Desiigner: Nun, es ist nicht direkt gefährlich dort, aber eben auch nicht komplett ohne Risiko. Es gibt immer einen Hater irgendwo, und ich will mich nicht in eine Situation begeben, in der irgendein Mist passieren könnte. Ich habe jetzt viel zu viel zu verlieren. Anders als früher.

Sie sagten mal, Sie kämen aus dem „Nichts“. Wie sah dieses Nichts aus?
Desiigner: Ich bin in den Louis Armstrong Projects aufgewachsen, einem riesigen Sozialbaukomplex. Es gibt dort viel Druck, viel Armut. Ich meine: Jesus, wir waren arm! Mein Vater hatte Lungenprobleme und konnte nicht arbeiten, Mutter musste ihn, mich und meine Geschwister versorgen. Ich hatte die ersten 18 Jahre meines Lebens kein eigenes Zimmer, nicht mal ein Bett. Ich habe immer auf der Couch geschlafen oder auf dem Teppich im Wohnzimmer. Und glauben Sie mir: Kein Bett zu haben ist wirklich nicht sehr cool. Dazu die Gangs und all das. Das Leben dort gleicht einem Dschungel: Entweder du sitzt mit deiner Clique in den Bäumen und hast alles im Griff, oder du kriechst am Boden herum und versuchst verzweifelt, etwas zum Essen zu finden.

Wie kommt man durch in so einem Dschungel?
Desiigner: Man muss sich immer und immer wieder zwingen, positiv zu bleiben. Ich habe es zum Beispiel immer gehasst, wenn Leute gesagt haben, „ich wohne in den Projects“. Ich habe stattdessen immer gesagt: Ich lebe in einem „Model City House“. Macht schon einen Unterschied.

Sie sind mit 14 an einer Straßenecke angeschossen worden. Wie verarbeitet man so etwas?
Desiigner: Indem man nicht so viel drüber redet. Sagen wir es so: Ich war in einer Gang, und ich war zu einem falschen Zeitpunkt an einem falschen Ort. Ich hätte es vermeiden können.

Hat Sie dieser Vorfall irgendwie verändert oder geprägt?
Desiigner: Ich bin dann vorsichtiger geworden. Ich habe mich aus dem gefährlichsten Kram rausgehalten und mich stärker der Musik zugewandt. Ich habe in der Kirche gesungen, bin zu lokalen Talentshows gegangen, ich habe in der Cafeteria der Projects Weihnachtslieder gesungen. Ich habe im Studio meine ersten Rap-Tracks aufgenommen. Ich hatte dabei immer meine Ziele vor Augen: Bald bin ich hier weg! Und bevor ich 21 bin, bin ich Millionär. Und genau so war es dann ja auch.

Und dann tauchen irgendwann einfach diese Zahlen auf dem Konto auf?
Desiigner: Es ist wirklich genau so! Zunächst musste ich allerdings überhaupt erst einmal ein Konto eröffnen. Ich hatte ja nie Geld, da brauchte ich natürlich auch kein Konto.

Erinnern Sie sich noch, wann Sie Ihren Hit zum ersten Mal im Radio gehört haben?
Desiigner: Das war auf Hot 97, New Yorks größtem Hip-Hop-Sender. DJ Bobby Trends hat seine Sendung damit eröffnet. Ich war bei Zana – damals meine Nachbarin, heute meine Managerin –, und ich bin sofort, so schnell ich konnte, um die Ecke nach Hause gerannt. Ich rannte durch den Flur unseres Sozialbaus, und alle waren da. „Yo, du bist im Radio!“, haben sie gerufen. Meine Freunde haben geweint, die Nachbarn haben geweint. „Deine Familie ist jetzt anders“, haben sie gesagt. „Du bist jetzt anders, Bro! Du bist jetzt hier raus.“ Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was sie damit meinten, aber es stimmt natürlich. Ich konnte meine Eltern aus den Projects holen. Ich selbst wohne jetzt in New Jersey in einem Haus am Wasser: Das ist der beste Ort für einen New Yorker, von dort hat man den besten Blick auf die Stadt!

Das Video zu „Panda“ hat mittlerweile über 200 Millionen Aufrufe. Kanye West spielt darin mit, er hat „Panda“ auf seinem eigenen Album gesamplet, hat Sie unter Vertrag genommen, wurde Ihr Mentor. Wie kam es dazu?
Desiigner: Nachdem „Panda“ immer erfolgreicher wurde, waren wir in einem Bieterkrieg mit elf verschiedenen Labels, die mich alle verpflichten wollten. Wir flogen nach L. A., wo wir auch Kanye West treffen sollten. Das Treffen wurde immer und immer wieder verschoben – bis es plötzlich hieß, er ist JETZT kurz am Flughafen LAX. Fahrt dahin! Wir sind also dort hingerast mit unserem billigen Miet­wagen, glauben Sie mir, meine Managerin hatte den Fuß auf dem Gaspedal. Er saß dann in einem Rolls-Royce ­Silver Ghost – mit Kindersitz. Wir sind hinten rein, er hat uns von seinem Laptop den Track so vorgespielt, wie er ihn auf seinem Album The Life of Pablo samplen wollte, und fragte: „Ist das so okay?“ Okay? Ich bin komplett ausgerastet!

Seine positive Energie scheint unbegrenzt: Mit Anfang 20 zählt der Rapper zu den erfolgreichsten Popstars seiner Generation. Trotzdem bleibt er casual cool: Desiigner trägt einen Anzug von Scotch & Soda und Schuhe von Common Projects.

Rapper und Stil-Ikone: Wie viele seiner Kollegen zählt Desiigner nicht 
nur als Musiker, sondern auch in Sachen Mode zu den wichtigen Influencern seiner Generation.

Rapper und Stil-Ikone: Wie viele seiner Kollegen zählt Desiigner nicht nur als Musiker, sondern auch in Sachen Mode zu den wichtigen Influencern seiner Generation.

Jetzt arbeiten Sie an Ihrem ersten Album, „The Life of Desiigner“, das bald erscheinen wird. Wird man darauf auch Ihren Großvater hören? Er ist Jazz­gitarrist und lebt in Berlin, richtig?
Desiigner: Ja, sein Künstlername ist „Guitar Crusher“ – er ist eine echte Jazzlegende. Ich habe ihn nur dreimal in meinem Leben gesehen, als ich klein war, er kam immer sehr smooth daher. Aber seine Alben habe ich Tausende Male gehört! Er war mein Michael Jackson. Mein James Brown. Mein Stevie Wonder. Mein Ray Charles. Obwohl ich in den Projects groß geworden bin, habe ich mich ­immer als sein Nachfolger gesehen. Ob er auf dem Album sein wird, darf ich nicht verraten, aber sagen wir es mal so: Grandpa is working!

Jetzt, wo Sie berühmt sind, haben Sie ihn denn mal in Deutschland besucht?
Desiigner: Nein, aber ich habe neulich im Stadion von Manchester United ein Video gedreht und ihn einfliegen lassen. Es war crazy. Das ganze Stadion war komplett leer, mein Großvater und ich standen da und sahen aufs Spielfeld – und ich dachte in diesem Moment: Wow. Das ist es. Ich habe es geschafft. Ich habe es geschafft, dass mein Großvater jetzt hier neben mir steht, im Stadion von Manchester. Die Tatsache, dass ich meinen Großvater dahin holen konnte und etwas für ihn tun konnte, bedeutet mir sehr viel.

Wie sieht das aus, wenn Sie an einem Album ­arbeiten? Schreiben Sie die Lyrics mit Stift auf Papier, oder nehmen Sie alles mit dem Smartphone auf?
Desiigner: Ich schreibe definitiv gar nichts auf. Alles ist hier oben in meinem Kopf, und es strömt dann heraus, wenn der Beat läuft und das Mikrofon offen ist. Das letzte Mal, dass ich Lyrics notiert habe, war für „Panda“. Aber nur weil ich mir damals keine Studiozeit leisten konnte.

Das heißt, bei Ihnen ist immer alles improvisiert?
Desiigner: Ja. Das ist alles im Vibe. Im Vibe des Lebens. Ich schnappe Dinge auf, die in meinem Leben passieren, füge meinen Swag hinzu und lasse es laufen.

Sie arbeiten also im Grunde selbst spontan wie ein Jazzmusiker.
Desiigner: Immer. Ich spiele mit meiner Stimme. Ich pfeife. Ich lerne die Kunst des Fingerschnipsens. Ich versuche, meinem Sound ständig etwas Neues hinzuzufügen.

Wie ist es, wenn man nach so einem Riesenhit das erste Album liefern muss? Haben Sie Angst, dass der Erfolg genauso schnell wieder verschwinden könnte, wie er kam?
Desiigner: Oh, nein, nein, nein, nein. So etwas macht mir keine Angst! Ich genieße das gerade alles einfach. Ich habe ja immer Gott bei mir. Und ich werde einfach immer weiter Musik machen, ganz egal was passiert. Wissen Sie, jeder Mensch liebt es zu tanzen. Solange ich weiß, wie ich die Leute zum Tanzen bringe – und das weiß ich –, werde ich immer gewinnen.


Desiigners schneller Weg zum Erfolg
Aus dem Stand katapultierte die Single „Panda“ den Rapper aus Brooklyn an die Spitze der Charts und kurbelte – so spekulierte die amerikanische „GQ“ – die Verkaufszahlen des BMW X6 an. Über 600 Millionen Mal wurde der Song bisher auf dem Streamingdienst Spotify gespielt. Die Veröffentlichung seines ersten richtigen Albums „The Life of Desiigner“ ist für Ende 2017 angekündigt.

Kanye West hat seine Karriere gefördert. Der modebewusste Hip-Hop-Star, der für Adidas die Kollektion Yeezy entwarf, gehört zu Desiigners großen Vorbildern. (Eames Chair: vitra, Europe / Herman Miller, USA)

29.09.2017