Motorsport

24 Stunden Adrenalin: Der BMW M6 GT3 beim Rennen von Spa

Gleich in seiner ersten Rennsaison gewinnt der neue BMW M6 GT3 die legendären 24 Stunden von Spa 2016. Die Rekonstruktion einer Triumphfahrt.

Text
Jan Wilms
Fotos
Stefan Bogner und Gruppe C

Die 24 Stunden von Spa waren für BMW immer ein gutes Pflaster: Insgesamt 22 Mal gewann man das bestbesetzte GT-Rennen der Welt, zwischen 1965, als Pascal Ickx und Gérard Langlois ihren BMW 1800 TI/SA durch die Nacht jagten, und 2015, als Nick Catsburg, Lucas Luhr und Markus Palttala mit dem BMW Z4 GT3 oben aufs Podium fuhren. Dass ein weiterer BMW Sieg keine Routine werden sollte, sondern eine echte Sensation, lag am Siegerauto: dem neuen BMW M6 GT3. Das Fahrzeug mit der Startnummer 99, das die erste Rennsaison und das zweite 24-Stunden-Rennen überhaupt bestritt. Diesen 23. BMW Sieg in Spa, errungen nach 531 Runden und im strömenden Ardennenregen, umwehte ein Hauch Abenteuer, in dem neben dem neuen M6 GT3 der Mut zu einer sensiblen Technologie und eine präzise kalkulierte Strategie eine Rolle spielten. Wir rekonstruieren die Schlüsselmomente der Triumphfahrt.

I. Der neue BMW M6 GT3
St. Ingbert, ROWE Racing Team-Gelände, Februar 2016

In einer eher unscheinbaren Werkshalle beginnen Anfang 2016 beim ROWE Racing Team im saarländischen St. Ingbert die Vorbereitungen für die GT3-Saison. Gerade ist das Team zum neuen Partner BMW Motorsport gewechselt, wo unterdessen der BMW M6 GT3 als neues Topmodell für den GT-Sport den seit 2010 eingesetzten BMW Z4 GT3 ablösen soll. Der M6 GT3 bringt eine ganz neue Präsenz in die GT-Wettbewerbe: Größer, breiter, stärker – wenn die wilde Silhouette des neuen M6 GT3 im Rückspiegel auftaucht, zuckt die Konkurrenz zusammen.

Die Technologie des weniger als 1300 Kilogramm leichten BMW M6 GT3 übersetzt die sportlich-aggressive Optik in Leistung: Unter der Carbon-Motorhaube arbeitet der 4,4-Liter-V8-Motor mit M TwinPower Turbo Technologie aus dem Serienmodell BMW M6 Coupé. Für den Renneinsatz wurden lediglich Ölversorgung und Ladeluftkühlung modifiziert und eine spezielle von BMW Motorsport entwickelte Trockensumpfschmierung eingebaut. Damit leistet das Aggregat bis zu 585 PS.

Für Hans-Peter Naundorf, Teamchef und Technischer Direktor des ROWE Racing Team, war schnell klar: „Der BMW M6 GT3 begründet eine neue Generation von GT3-Autos. Er steckt voller hochmoderner Technologie aus Serienmodell und DTM und wirkt fast wie ein Formel-Auto. Zum Beispiel haben die BMW Ingenieure den komplexen Turbomotor perfekt entwickelt. Nicht viele Hersteller wagen und können das.“

Größer, breiter, stärker – wenn die wilde Silhouette des neuen BMW M6 GT3 im Rückspiegel auftaucht, zuckt die Konkurrenz zusammen.

Selbst die beste Planung kann keine 24-stündige Feuertaufe ersetzen. Deshalb fand der erste Langstreckentest beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring statt. „Hier habe ich gemerkt, dass die mit dem M6 GT3 möglichen Kurvengeschwindigkeiten extrem hoch sind und er enorm zuverlässig ist“, sagt BMW Werksfahrer Maxime Martin.

II. Die Generalproben
Nürburgring, 24-Stunden-Rennen, 29. Mai 2016 / Le Castellet, 6-Stunden-Rennen, 25. Juni 2016

Nachdem die beiden BMW M6 GT3 von ROWE Racing monatelang auf die besonderen Anforderungen des Teams spezifiziert wurden, stehen auch die Fahrer fest: Den ersten seiner M6 besetzt ROWE für die Langstreckenrennen mit Nick Catsburg, Stef Dusseldorp (beide Niederlande) und dem BMW Werksfahrer Dirk Werner (Deutschland), den zweiten mit den BMW Werksfahrern Philipp Eng (Österreich), Alexander Sims (Großbritannien) und Maxime Martin (Belgien).

„Massiver Look, langer Radstand, großer Motor und noch wettbewerbsfähiger als der Vorgänger – der M6 GT3 hat mich sofort beeindruckt“, erinnert sich Martin an die erste Begegnung mit der neuen Art. Denn in die Entwicklung des BMW M6 GT3 hat BMW Motorsport sämtliche Erfahrungen einfließen lassen, die sie seit 2010 mit dem erfolgreichen Vorgängermodell BMW Z4 GT3 gesammelt hatten. Zusätzlich zum bereits perfekt für den Einsatz auf der Rennstrecke geeigneten BMW M6 Coupé aus der Serie besitzt der BMW M6 GT3 eine Transaxle-Konstruktion für eine ausgewogene Gewichtsverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse, ein sequenzielles 6-Gang-Renngetriebe und eine leistungsstarke Motorsportelektronik. Mit der tiefen Einbauposition des Antriebsstrangs senken diese Modifikationen den Schwerpunkt weiter ab – und tragen zur besseren Performance des M6 GT3 bei. Schließlich wurde das Chassis mit seiner vollständig aus Kohlefaser gefertigten Außenhaut im BMW Windkanal aerodynamisch optimiert.

Nur: Selbst die beste Planung kann keine 24-stündige Feuertaufe ersetzen. Deshalb fand der erste Langstreckentest beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring statt. „Hier habe ich gemerkt, dass die mit dem M6 GT3 möglichen Kurvengeschwindigkeiten extrem hoch sind und er enorm zuverlässig ist“, sagt Maxime Martin. „Doch ich habe nicht damit gerechnet, nur acht Wochen später in Spa zu gewinnen.“

Auch für Hans-Peter Naundorf lieferte der BMW M6 GT3 in der Eifel eine „problemlosere“ Vorstellung ab als erwartet. Diese frühe Konkurrenzfähigkeit ließ den Teamchef einen Plan schmieden, um den weiteren Saisonverlauf auf Spa maßzuschneidern. Die neue ROWE-Taktik war dann einen Monat später bei den 6 Stunden von Le Castellet zu erleben: Naundorf nahm den BMW M6 GT3 bereits nach zwei Stunden aus dem Rennen, um verschiedene Komponenten, auf die es in Spa ankommen würde, ein- und auszubauen und zu testen. Was für die Zuschauer wie eine Kette technischer Probleme wirkte, sollte ein Schlüssel für den Sieg von Spa werden.

Rushhour in der Boxengasse: Kein anderes GT-Rennen der Welt ist so stark besetzt wie die 24 Stunden von Spa: Über 60 ähnlich kraftvolle Boliden, 180 Spitzenfahrer – das ist GT-Meisterklasse pur.

Erst spät wird das Rennen auf der „Ardennen-Achterbahn“ ein echter Spa-Klassiker: mit höchsten Kurvengeschwindigkeiten und Querbeschleunigungen, engen Überholmanövern und einer im Vergleich zu anderen Rennen deutlich höheren Belastung für die Fahrer, die nach spätestens zwei Stunden wechseln müssen.

Erst spät wird das Rennen auf der „Ardennen-Achterbahn“ ein echter Spa-Klassiker: mit höchsten Kurvengeschwindigkeiten und Querbeschleunigungen, engen Überholmanövern und einer im Vergleich zu anderen Rennen deutlich höheren Belastung für die Fahrer, die nach spätestens zwei Stunden wechseln müssen.

III. Der Triumph
24-Stunden-Rennen, Spa-Francorchamps, 31. Juli 2016

Kein anderes GT-Rennen der Welt ist so stark besetzt wie die 24 Stunden von Spa: Über 60 ähnlich kraftvolle Boliden, 180 Spitzenfahrer – das ist GT-Meisterklasse pur. Dazu besitzt der Kurs mit der Eau Rouge die gefährlichste Kurve des Motorsports, in der extreme Flieh- und Kompressionskräfte auf Fahrer und Auto einwirken, weshalb das Chassis des M6 GT3 zusätzlich verstärkt werden musste.

Die 24 Stunden von Spa 2016 starten am Samstag, dem 31. Juli, um 16.30 Uhr. Der Verlauf folgt für beide ROWE BMW M6 GT3 einem dramatischen Spannungsbogen: Nach Problemen im Qualifying beginnt das Rennen mit einer Gelbe-Flaggen-Phase und Überholverbot, einer einstündigen Safety-Car-Phase, gefolgt von einer Rushhour in der Boxengasse. Erst spät wird das Rennen auf der „Ardennen-Achterbahn“ ein echter Spa-Klassiker: mit höchsten Kurvengeschwindigkeiten und Querbeschleunigungen, engen Überholmanövern und einer im Vergleich zu anderen Rennen deutlich höheren Belastung für die Fahrer, die nach spätestens zwei Stunden wechseln müssen.

Den weißen BMW M6 GT3 mit der Startnummer 99 müssen die Zuschauer lange unter den 30 führenden Autos suchen. Erst gegen Abend leuchtet sein Stern auf, jede Runde ein bisschen heller. Dann legt sich die Nacht über die Ardennen, und Maxime Martin steuert den BMW in die Spitzengruppe des Gesamtfelds. „Unsere Strategie ging voll auf: Wir haben im M6 GT3 einen extrem guten Rennspeed gehabt und mit einer Null-Fehler-Strategie vermieden, Strafpunkte zu sammeln“, sagt Maxime Martin.

Genau in diesen perfekten Lauf fällt eine weitere Gelbphase, und die Taktiker entscheiden, den fünfminütigen Pflichtboxenstopp vorzuziehen. Ein Schachzug, der sich auszahlen sollte: Zur Halbzeit liegt der M6 GT3 #99 auf Rang vier und setzt sich mit Tagesanbruch schließlich auf den ersten Platz – was für ein Rennen, schon bis hierhin. Doch noch gilt es, die Position bis zum Nachmittag zu behaupten. Von den Konkurrenten hält jetzt nur noch das Bentley-M-Sport-Team mit. Doch in Spa fährt man nicht nur gegen die Gegner: Seit der Nacht setzen immer wieder Schauer mit wechselnder Intensität und Dauer ein, der letzte Wolkenbruch kommt eine halbe Stunde vor Rennende. Für Zielfahrer Alexander Sims heißt das: noch einmal vollste Konzentration. Über Funk arbeitet Teamchef Naundorf mit dem teameigenen Wettermann daran, kurvengenaue Regenprognosen in Sims’ BMW zu senden. Die Traktionskontrolle des M6 verrichtet währenddessen Schwerstarbeit. „Diese letzte Runde war wie für die Bücher geschrieben“, erinnert sich Naundorf an die Minuten kurz vor dem größten Sieg in der Geschichte seines Rennstalls.

Dann der erlösende Moment: Nach 3719,124 Kilometern rast der BMW M6 GT3 #99, pilotiert von Martin/Sims/Eng, über die Ziellinie von Spa-Francorchamps. Grenzenloser Jubel in der ROWE-Box und auf den Rängen. Ein Triumph, der besonders Maxime Martin unter die Haut ging: „Es war ein hartes Rennen, doch wir sind cool geblieben, und ich habe den schönsten und wichtigsten Sieg meiner Karriere errungen – mein Vater hat vier Mal in Spa gewonnen, jetzt habe auch ich meine Heimstrecke bezwungen“, jubelt er. Auch für BMW weckte der Sieg Emotionen: „Im vergangenen Jahr haben wir den BMW Z4 GT3 mit einem Sieg in Spa-Francorchamps verabschiedet. Dass nun sein Nachfolger, der BMW M6 GT3, im ersten Einsatzjahr diesen großartigen Erfolg wiederholen konnte, ist einfach fantastisch“, sagt BMW Motorsport Direktor Jens Marquardt. Denn es gibt kaum bessere Belege für die bis ins letzte Detail perfektionierte Sportlichkeit, die zur Erbanlage der BMW Modelle aus Motorsport und Serie gehört, als dieser ansatzlose Sprung aufs Podium der 24 Stunden von Spa.

Spannung herrscht auch hinter den Kulissen: „Die letzte Runde war wie für die Bücher geschrieben“, erinnert sich Hans-Peter Naundorf, Teamchef und Technischer Direktor des ROWE Racing Team, an die Minuten kurz vor dem größten Sieg in der Geschichte seines Rennstalls.

09.12.2016