Klassiker

Mythosmaschine: Der BMW 507

Sinnlich, formvollendet, dynamisch: Der BMW 507 war einer der außergewöhnlichsten Roadster seiner Zeit. Allerdings gab es 1955 für seine Qualitäten noch keinen Markt. Heute erzielt der schönste BMW der Frühzeit Millionenpreise.

Text
Jan Wilms

Spulen wir zurück in eine Zeit, in der im Kino das Cinemascope-Breitwandformat neue Seheindrücke brachte. Wo Technologie wieder mehr sein durfte als nur funktional. Wo Designer wieder Träume in Formen prägten. Und Geschwindigkeit und Leistung zu Synonymen individueller Freiheit wurden. Es war der Beginn einer Ära grandioser Sportwagen, die nach dem zurückliegenden Zweiten Weltkrieg wieder Enthusiasmus erlaubte.

Der größte Fantasiebeflügler aus dieser Zeit ist der BMW 507. Das formvollendete Design des zweisitzigen Roadsters überragte 1956 einen Augenblick lang alles Vergleichbare. Weil er trotzdem nur in Kleinserie auf die Straße rollte, wurde er bereits in seiner Jugend zum Mythos. Und ist heute einer der seltensten Oldtimer überhaupt.

Das formvollendete Design des zweisitzigen Roadsters überragte 1955 einen Augenblick lang alles Vergleichbare.

Albrecht Graf Goertz 1988 auf einem BMW 507 Treffen in Florenz und Siena, Italien. 1955 erteilte der BMW Vorstand dem damals noch jungen Designer freie Hand bei der Gestaltung des BMW 507. Sein federleichter Entwurf gehört zu den schönsten je gebauten BMW.

Die unglaubliche Geschichte des BMW 507 beginnt in den 50er-Jahren, als die Karten im Automarkt neu gemischt wurden. BMW konnte sich in dieser Wirtschaftswunderzeit mit den schweren Luxuslimousinen 501/502 etablieren. Im Unternehmen brannte aber noch die Erinnerung an den BMW 328 und die großen Motorsporterfolge aus der Vorkriegszeit. Auch die Ingenieure hatten ihr Wissen zum Bau von besonders dynamischen Autos nicht vergessen. Was fehlte, war ein neuer, beeindruckender Leistungsnachweis, der BMW als Automarke für pure Fahrfreude wieder berühmt machen konnte.

Auf der Suche nach dem Leistungsnachweis

Bereits 1952 wurden erste Pläne und ein Prototyp erstellt. Im Anschluss baute die Außenstelle Nürburgring der BMW Forschungs- und Entwicklungsabteilung dann einen „507a“. Dieser gewann zwar die „Schönheitskonkurrenz Bad Neuenahr“, entsprach jedoch nicht dem neuen globalen Geschmack. Dann brachte US-Importeur Max Hoffman den jungen Industriedesigner Albrecht Graf Goertz ins Gespräch. Einen 1936 aus Deutschland in die USA emigrierten Schüler des Designpapstes Raymond Loewy. Der BMW Vorstand erteilte dem Grafen freie Hand – und dieser bedankte sich direkt mit zwei federleichten Entwürfen für den 507 und das Sportcoupé/-cabriolet 503. Es war der Beginn einer neuen Designsprache für BMW.

Der Blick ins Cockpit eines BMW 507 mit Hardtop. Aufgenommen wurde das Bild in den frühen 80er-Jahren. Genau zu dem Zeitpunkt, an dem der rare Roadster wiederentdeckt wurde und eine zweite Karriere auf exklusiven Sammlerevents und in Auktionen startete.

Rock-’n’-Roll-Legende Elvis Presley fuhr begeistert BMW 507. Die Zielgruppe des eleganten Sportwagens bestand aufgrund des hohen Preises vor allem aus Kunden, bei denen Geld keine Rolle spielte. Rechts: Der Modelleur Johann König begutachtet ein Tonmodell des BMW 507 im Maßstab 1 : 1.

Rock-’n’-Roll-Legende Elvis Presley fuhr begeistert BMW 507. Die Zielgruppe des eleganten Sportwagens bestand aufgrund des hohen Preises vor allem aus Kunden, bei denen Geld keine Rolle spielte. Rechts: Der Modelleur Johann König begutachtet ein Tonmodell des BMW 507 im Maßstab 1 : 1.

Die von Goertz gezeichneten Linien und Details des BMW 507 waren neu, aber harmonisch und mit überzeugender Klarheit. Die sinnlich geschwungene Schulterlinie mit den muskulös gewölbten Radhäusern, die filigrane Windschutzscheibe, dazu opulent verchromte Details: Rundscheinwerfer, Kiemen in den Flanken (sie sollten 1995 auch den BMW Z3 zieren), und als Blickfang ein fein gearbeiteter Kühlergrill, bei dem die Doppelniere zum ersten Mal flach lag. Insgesamt erschien der BMW 507 wuchtig im Effekt, aber dennoch schlank in der Form, das war typisch BMW und doch eigenständig. Dann erhielt die skulpturale Hülle einen kongenialen Inhalt: Für den Antrieb wählte man den fortschrittlichen 3,2-Liter-V8-Motor aus dem BMW 502, dessen Leistung durch geänderte Nockenwellenauslegung und erhöhte Verdichtung auf sportliche 150 PS gesteigert wurde.

„Traum von der Isar“ auf der IAA 1955

Das neue Auto stand wenig später auf der IAA 1955 im Fokus einer gespannten Öffentlichkeit: der BMW 507 Touring Sport, dank Alumotor und -karosserie nur 1220 kg schwer und 220 km/h schnell. Trotz „weicher Federung besonders handlich“, wie der Katalog versprach. Und flexibel in der Ausführung: Cabrioverdeck serienmäßig, Hardtop und Rennstreckentrimm auf Wunsch erhältlich. Die Presse schrieb euphorisch vom „Traum von der Isar“ und einer „Sensation“.

Dann endete die Erfolgsgeschichte des 507, bevor sie wirklich begonnen hatte. Die Begeisterung, die das Modell auslöste, hatte sich BMW teuer erkauft. Der Preis von 26.500 DM entsprach dem damaligen Wert eines Einfamilienhauses und war selbst für ein Luxusprodukt kaum zu rechtfertigen. Die Bestellungen tröpfelten in homöopathischen Dosen ein. Und kamen vorwiegend von Ausnahmekunden wie Alain Delon und Elvis Presley – einem BMW Fan seit der Isetta –, bei denen Geld absolut keine Rolle spielte.

Die geringen Bestellzahlen zwangen BMW zur noch teureren Einzelfertigung. Auch der US-Vertriebler Hoffman, der ursprünglich allein 2000 Exemplare abnehmen wollte, konnte trotz des V8-Motors des 507 nichts ausrichten. 1957 überarbeitete BMW für die zweite Serie den BMW 507 und erhöhte gleichzeitig den Kaufpreis auf 30.000 DM. Eine gewagte Marketingstrategie – ohne Erfolg. Bis zum Dezember 1959, dem Ende der vierjährigen Bauzeit des BMW 507, wurden nur 251 Exemplare verkauft. Der 507 verschwand so schnell aus dem Rampenlicht, wie er gekommen war. Ein Ikarusflug, so schien es. Bis er in den 80er-Jahren wiederentdeckt wurde und eine zweite Karriere auf exklusiven Sammlerevents und in Auktionen startete.

Magische Berührung für BMW

Obwohl der 507 auf der Straße immer unsichtbar blieb, leistete er für BMW unverzichtbare Dienste: Er bewies, wie man Sportlichkeit und Eleganz auf allerhöchstem Niveau und mit einzigartiger Note verbindet. Auch wenn er nicht den dringend benötigten finanziellen Erfolg bescherte, wuchs das Vertrauen der Kunden in BMW Anfang der 60er-Jahre wieder. Satten Absatz bescherte dann der Bestseller BMW 1500, ein funktionales und sportliches Mittelklassemodell. Ob er ohne die Begeisterung für den unerreichbaren Traumwagen BMW 507 genauso begehrt gewesen wäre? Sicher nicht.

Die magische Berührung mit dem 507 hat BMW in eine andere Sphäre katapultiert. Das Echo des zeitlos designten Roadsters hallte sogar bis in die Neuzeit: Der 1999 präsentierte BMW Z8 faszinierte als eine futuristische Neuinterpretation des Juwels. Heute sind vom BMW 507 noch 220 erhaltene Exemplare zugelassen. Wer eines besitzt, kann mit exorbitantem Wertzuwachs rechnen: 2014 wurde ein Modell der zweiten Serie, Baujahr 1958, für 2,4 Millionen Dollar versteigert.

Heute sind vom BMW 507 noch 220 erhaltene Exemplare zugelassen. Wer eines besitzt, kann mit exorbitantem Wertzuwachs rechnen: 2014 wurde ein Modell der zweiten Serie, Baujahr 1958, für 2,4 Millionen Dollar versteigert.

04.03.2016